Ganzjahresreifentest der AutoBild wirft Fragen auf

Donnerstag, 23 November, 2017 - 11:45
Getestet wurden die Ganzjahrsreifen in der Dimension 185/65 R15.

Dass dieser Ganzjahresreifen-Test hohe Wellen in der Branche schlagen würde, war vorhersehbar. Wie testet und simuliert man Performancequalitäten über ein ganzes Reifenleben hinweg? Das Team der AutoBild wendete die Methode „Runterschleifen auf vier und zwei Millimeter Restprofil“ inklusive Anpassung an die computerberechnete Kontur an. Das Ergebnis: Gleich vier Vertreter aus dem Premium-Segment erhalten im „abgefahrenen“ Zustand nur noch ein "bedingt empfehlenswert". Lesen Sie eine Einordnung zu den problematischen Faktoren des Tests im Kommentar von Olaf Tewes.

Die Performance eines Reifens verändert sich im Laufe seines Lebens. Natürlich sollte ein Reifen seine Qualitäten über einen möglichst langen Zeitraum bewahren. Michelin kommuniziert als einen zentralen Baustein der Unternehmensphilosophie, dass Reifen vom ersten Einsatz an über die gesamte Lebensdauer bis zur gesetzlichen Mindestprofiltiefe ein konstant hohes Leistungsniveau bieten sollen. Laut AutoBild ist dies beim CrossClimate+ gelungen. Das Medium urteilt: „vorbildlich“ im Neuzustand, „gut“ in der Bewertung „Gesamt“. Der CrossClimate ist allerdings der einzige Reifen, der den Test in der Größe 185/65 R15 in der Variante mit Geschwindigkeitsindex 92 V absolviert. Die anderen Reifen im Test durchlaufen die Disziplinen in den Versionen 88 T oder 88H. Hinsichtlich der Transparenz hätte man sich von der AutoBild hierzu eine Bemerkung gewünscht. Dies gilt ebenso zur Genauigkeit der Angaben zum Verfahren des „Herunterschleifens“. Laut AutoBild wurde der Test unterstützt von Goodyear und Michelin – es wurde also wohl auf den Geländen der beiden Hersteller getestet, die die Testsieger stellen. Goodyear schneidet mit dem Vector 4Seasons Gen-2 „gut“ und in der Gesamtbewertung  „befriedigend“ ab.

Die AutoBild hält den Michelin CrossClimate für ein „Allroundtalent mit ausgewogenen Fahrleistungen und den geringsten Leistungseinbußen über die gesamte Lebensdauer“. Der hohe Preis werde durch die hohe Laufleistung ausgeglichen – Olaf Tewes sieht diesbezüglich Erklärungsbedarf. Dem zweitplatzierten Goodyear Vector 4Seasons Gen-2 attestiert das Test-Team „beste Fahrleistungen auf nasser und verschneiter Piste als Neu- und 4mm-Reifen“. Mit abnehmender Profiltiefe soll sich das Gripniveau gar auf trockener Fahrbahn verbessern.

Für die vier Kandidaten Pirelli Cinturato All Season, Hankook Kinergy 4S, Vredestein Quatrac 5 und Nokian Weatherproof empfehlen die Tester, diese bereits bei halber Profiltiefe auszutauschen. Alle seien im an- oder abgefahrenen Zustand nur „bedingt empfehlenswert“. Das Pirelli-Gummi rutsche bei 4mm Restprofil auf Schnee und Nässe in den „roten Bereich“. Niedrige Laufleistung und hoher Rollwiderstand werden als weitere Minuspunkte aufgeführt. Der Hankook Kinergy 4S biete sicheres Fahrverhalten auf verschneiter und nasser Piste nur im Neuzustand. Als enttäuschend bezeichnen Dierk Möller und Henning Klipp die Laufleistung. Beim Vredestein Quatrac 5 wird ein ausgewogenes Leistungsniveau im Neuzustand in die Beurteilung geschrieben. Mit halber Profiltiefe oder im abgefahrenen Zustand reduzieren sich die Winter- und Nässequalitäten laut AutoBild stark. Der Nokian Weatherproof wird mit 2mm Restprofil als „miserabel bei Nässe“ bezeichnet.

Chef-Redakteur Olaf Tewes kommentiert

Wir kennen unsere Kollegen der Auto Bild und schätzen sie sehr. Dieser Test wirft jedoch einige Fragen auf und muss im Zusammenhang mit der Strategie von Michelin gesehen werden, ihren CrossClimate im deutschen Markt weiter zu pushen.

Leider geht aus dem Artikel nicht hervor, wo er durchgeführt wurde. Wir gehen davon aus, dass er teilweise bei Michelin in Clermont-Ferrand und im Arctic Center von Goodyear Dunlop in Ivalo durchgeführt wurde. Eine andere „Kleinigkeit“ mit großer Wirkung zeigt sich, wenn wir auf die Geschwindigkeits- und Lastindizes der getesteten Reifen schauen. Die Testkandidaten Goodyear, Hankook, Vredestein und Nokian weisen den Index 88T (bis 210 km/h) auf und der Pirelli wurde mit dem Index 88H (bis 190 km/h) getestet. Der Michelin wurde mit dem Index 92V getestet, der Reifen ist bis auf 240 km/h zugelassen!  Allein diese beiden Merkmale werden wahrscheinlich zu unterschiedlichen Karkasskonstruktionen führen.

Eine weitere Frage ergibt sich, wo die Reifen abgeschliffen wurden. In der Runderneuerung wird dieser Vorgang als „Rauen“ bezeichnet. Danach wurde die Kontur des Reifens durch ein Softwareprogramm wieder hergestellt. Ob dieser Vorgang überhaupt das Leben eines Reifens simulieren kann, muss angezweifelt werden. Die Redaktion wird in einer der nächsten Ausgaben hierzu weiterführende Interviews mit Reifenentwicklern veröffentlichen. In diesen wird auch beleuchtet, welche Vorgänge beim „Abschleifen“ im Reifen ausgelöst werden.

Schließlich stellt sich die Frage, wer die aus dem Testergebnissen „kalkulierten Laufleistungen“ errechnet hat. Daraus dann auch noch eine Beispielrechnung zum Segment Preis/Laufleistung durchzuführen ist doch sehr gewagt.

Insgesamt stellt sich die Frage der Vergleichbarkeit und Transparenz bei den getesteten Reifen, den Testergebnissen, der Laufleistung und der Preis/Laufleistung. Fazit: Hier wurden Äpfel mit Birnen verglichen. Ein Schelm der Böses dabei denkt! (Olaf Tewes, Chefredakteur)

Lesen Sie sämtliche Ergebnisse relevanter (Winter)-Reifentests hier.

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oth/kle

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