"Nachgefragt" beim ADAC

Mittwoch, 26 Februar, 2014 - 12:00
Christof Gauss muss aktuell viele Fragen beantworten.

Die nächste Reifentest-Veröffentlichung des ADAC und der Stiftung Warentest wurde aufgrund von Prüfungen eines unabhängigen Instituts auf April verschoben. Nach der Berichterstattung des WDR und der Süddeutschen Zeitung - die Kernaussage lautete: der Club nutze seine Marktmacht nicht nur zur Steigerung seiner Werbeeinnahmen, sondern schütze den exklusiven Kreis der europäischen Reifenproduzenten auch vor unliebsamer Konkurrenz aus Fernost - wurde auch innerhalb der Branche die Relevanz des Tests intensiv diskutiert. Wir gewährten Christof Gauss (Leiter ADAC Fahrzeugtests) die Möglichkeit, zu den erhobenen Vorwürfen Stellung zu nehmen.

Die Süddeutsche Zeitung wirft die Frage auf, ob der ADAC-Reifentest eine Farce ist? In der Berichterstattung heißt es, sobald der ADAC entschieden habe, welches Reifenmodell er prüfen will, wo er diese Reifen testen möchte und unter welchen Bedingungen, erfahren nach Angaben des Insiders (Jan Hennen) die großen Herstellerfirmen davon. Wie kommentieren Sie die Behauptung, dass es einen solchen Informationsfluss geben soll?

Beim Reifentest des ADAC und der Stiftung Warentest gibt es zwei Gremien, in einem wird beraten (Fachbeirat - mit Herstellern) und in einem entschieden (Testkonsortium - ohne Hersteller). Dass Hersteller Testbedingungen kennen, ist bei Verbraucherschutztests-Standard. Das bestätigt auch die Stiftung Warentest. Das ist auch nichts Neues. Das heißt aber nicht, dass sie diese dadurch beeinflussen können.   

Zum genauen Testablauf: Nur das Testkonsortium entscheidet über die Produkte und die Testmethodik. Dieses Konsortium besteht aus europäischen Automobilclubs und Verbraucherschutzorganisationen (Stiftung Warentest und ihre Partner). Wie gesagt, die Hersteller sind hier nicht dabei. Und zu jedem Reifentest gibt es einen Fachbeirat. Diesem gehören neben Experten aus Universitäten, Forschungseinrichtungen und  Verbraucherschützern auch Hersteller an. Dieser Fachbeirat wird von der Stiftung Warentest eingeladen. Hier werden unter anderem auch Testdesign und Kriterien im Groben vorgestellt. Der Fachbeirat hat jedoch lediglich beratende Funktion, um über die neuesten Produktentwicklungen und wissenschaftlichen Erkenntnisse auf dem neuesten Stand zu sein. In dem Fachbeirat wird nicht über Testdesign und -kriterien entschieden.

Weil kurz nach dem Fachbeirat die Einkäufe beginnen, ist eine Manipulation sehr unwahrscheinlich. Zudem gib es einen mehrstufigen Einkaufsprozess mit Qualitätskontrollen, der sicherstellt, dass beim Test die Produkte getestet werden, die auch die Verbraucher kaufen können. (siehe nächste Frage).

Da es sich bei den ADAC Kriterien um so relevante Kategorien handelt wie beispielsweise die Verkehrssicherheit und Betriebskosten, sehen wir es positiv, wenn Hersteller sich bei ihrer Produktentwicklung daran ausrichten, denn ein breites Angebot von sicheren Reifen am Markt ist schließlich das Ziel der Verbraucherschutz des ADAC und der Grund, warum wir solche Tests seit Jahrzehnten durchführen. Natürlich unter der Prämisse, dass wir alles tun, um sicherzustellen, dass die Testreifen und die auf dem Markt erhältlichen Produkte identisch sind. Die Vorgehensweise und Angemessenheit der Testverfahren wurde im Übrigen durch den vereidigten Sachverständigen Prof. Dr.-Ing. Günter Willmerding im Jahr 2010 bestätigt.

Weiterhin wird behauptet, die Herstellerfirmen würden auf das Testprozedere abgestimmte Reifen an jene Verkaufsstellen liefern, bei denen der ADAC seine Testreifen kauft. Ist es denkbar, das Hersteller erfahren, bei welchen Händlern der ADAC seine Käufe tätigt? Daniel Bott als ADAC-Reifentester versicherte unserer Redaktion im Jahr 2012, dass der ADAC die Reifen bei verschiedenen Reifenhändlern in je 32 Einheiten je Testmodell einkauft. Erläutern Sie bitte die Vorgehensweise.

Der gemeinsame Reifentest von ADAC und Stiftung Warentest ist so angelegt, dass Manipulationen durch die Anbieter sehr unwahrscheinlich sind. So werden die Reifen zu drei verschiedenen Zeitpunkten bei verschiedenen Händlern eingekauft und geprüft, ob die Qualität konstant ist. Durch einen dreistufigen Einkaufsprozess an verschiedenen Orten und einem Qualitätsmanagement wird sichergestellt, dass die getesteten Reifen dem Serienstand entsprechen. Der Prozess im Detail: Es werden insgesamt 28 Reifen je Modell im öffentlichen Handel eingekauft. 24 Reifen werden zur eigentlichen Testdurchführung vor Testbeginn gekauft. Anhand eines weiteren Satzes mit vier Reifen, der zu einem späteren Zeitpunkt bei einem anderen Händler gekauft wird, kann überprüft werden, ob die Qualität der Serie entspricht. Bestehen nur geringste Zweifel, werden weitere Reifen verdeckt gekauft und Zusatztests durchgeführt. In einem dritten Einkaufsschritt werden zusätzlich Stichproben kurz vor Veröffentlichung gekauft und in einigen wenigen, aber aussagekräftigen Kriterien nachgetestet. Wären Reifen gesondert gefertigt, wäre das auch hier sichtbar und sie würden spätestens dann aus dem Test genommen.

Der WDR (Bericht Servicezeit) sagt, der Club nutze seine Marktmacht nicht nur zur Steigerung seiner Werbeeinnahmen, sondern schützte den exklusiven Kreis der europäischen Reifenproduzenten auch vor unliebsamer Konkurrenz aus Fernost. Zum Nachteil der Verbraucher unterstütze der ADAC so über die Testergebnisse die Hochpreispolitik der führenden Reifenproduzenten. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?

Wie aus den ADAC Reifentests der vergangen Jahre ersichtlich ist, sind oft günstige Alternativen in der Spitzengruppe zu finden. Beispiele: Beim Winterreifentest 2010 der Reifen ESA-Tecar, 2011 der Reifen Semperit oder 2013 der Reifen Firestone. Bei den Sommerreifentests: 2011 der Vredestein, 2012 der Apollo (Indien) oder 2013 der Fulda. Im Sommerreifentest 2009 schaffte es der Reifen der Marke Fulda an die Spitze der “besonders empfehlenswerten” Reifen, während dessen teurere Konzernbrüder Goodyear und Dunlop auf Nässe abgewertet wurden. Und ein Asiate, Kumho, erreichte ebenfalls ein “besonders empfehlenswert”. Daneben gibt es wiederholt günstige Asiaten, denen wir ein “empfehlenswert” oder aktuell “befriedigend” erreichen, z.B. der aus dem Fernen Osten stammende GT Radial im Winterreifentest 2013. Im Sommerreifentest 2012 gab es in der Dimension 205/55 R16 nicht einen “ausreichend” oder “mangelhaft” bewerteten Reifen.

Jan Hennen bemängelt die fehlende Transparenz im Kontext des Reifentests – warum legt der ADAC die Testwerte (bspw. gemessene Bremswerte) nicht vollständig offen?

Die Veröffentlichung von einzelnen Absolutwerten ist nicht sinnvoll. Das Verfahren orientiert sich an die Verordnung 1222/2009/EG zur Reifenkennzeichnung.  Die Reifen im Test werden im Vergleich zu einem Referenzreifen geprüft. So wird der Einfluss der Fahrbahn auf das Ergebnis eliminiert und die Reifen sind relativ zueinander vergleichbar. Im Zuge der Herstellervorinformation nach DIN 66 054 werden diese Werte allen Herstellern vor Veröffentlichung übergeben. Bei Zweifeln wird der Hersteller zur Einsichtnahme eingeladen.

Lesen Sie weitere Einschätzungen zur aktuellen "ADAC-Diskussion" in der März-Ausgabe von AutoRäderReifen-Gummibereifung.

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