Solidarisch in der Krise

Freitag, 17 April, 2020 - 12:15
Der Gründer und Vorstandsvorsitzende der SAITOW AG, Michael Saitow, sieht die Branche in der Krise enger zusammenzurücken.

Das Führungsduo der Saitow AG, Gründer Michael Saitow und COO Christian Koeper, spricht mit der Redaktion über die aktuelle Corona-Situation und solidarisches Verhalten innerhalb der Reifenbranche.

Die Corona-Krise hat Sie zu einer „Soforthilfemaßnahme“ veranlasst – neue Nutzer können die Lösungen ihres Unternehmens für ein Jahr kostenlos nutzen. Ihrer Ansicht nach: Warum können die Tyre-Systeme für einen Reifenhändler oder eine Kfz-Werkstatt gerade in der jetzigen Situation unterstützend wirken?

Christian Koeper: Das Produktportfolio unseres Unternehmens umfasst schon seit Langem verschiedene eCommerce-Services entlang der Wertschöpfungskette im Reifen-, Teile- und Zubehörhandel. Tyre24 verbindet z. B. Großhandel und Werkstatt, Reifen-vor-Ort-Werkstatt und Autofahrer oder TyreShopping gewerblichen Reifenhandel und Online-Endkunden. Dem Internet kommt zudem in Zeiten der Corona-Krise eine noch wichtigere Stellung zu als ohnehin – von der Kommunikation aus dem Homeoffice bis zum Online-Lieferdienst für Lebensmittel. Auch in unserer Branche, dem automobilen Aftermarket, stiftet das Internet hier einen gesteigerten Nutzen.

Zur wichtigen Umbereifungszeit können KFZ-Betriebe weiterhin online auf ein breites Angebot leistungsstarker Reifenanbieter zugreifen und so lokale Engpässe ausgleichen. Werkstätten können beim Einkauf von Ersatzteilen über Tyre24 viel Geld sparen und so möglichen Umsatzausfall im ertragsstarken Reparaturgeschäft kontern. Und Reifenhändler können sich Kunden gegenüber online präsentieren und so potenzielles Neu- bzw. Zusatzgeschäft generieren.

Mit unserem Angebot haben wir in den vergangenen Jahren viele Kunden gewinnen und an uns binden können. Hauptmotivation unserer Nutzer – auf Seiten der Anbieter wie auch vor allem der Nachfrager – ist, dass das Produkt Tyre24 und seine flankierenden Services “funktionieren” und spürbaren Mehrwert stiften. Diesen Mehrwert kann aber nur derjenige erfahren und schätzen lernen, der die Systeme nutzt. Und hier stand dem einen oder anderen bisher eine aus unserer Sicht berechtigte Nutzungsgebühr im Weg.

In einer Phase, wo die Umstände für viele Kfz-Werkstätten und Reifen-Fachbetriebe schwieriger sind, haben wir uns entschieden, diese “Kennenlern-Hürde” für Neukunden zu beseitigen. Dadurch wird es Interessenten aus der Branche leichter fallen, unsere Angebote über einen längeren Zeitraum kostenneutral auszuprobieren und kennenzulernen. Wichtig ist zu erwähnen, dass wir nicht nur Neukunden entgegenkommen. Auch für Bestandskunden sind Upgrades bestehender Services, wie z. B. ein Wechsel von Basis- zum Premium-Account bei Tyre24, kostenfrei.

Sie wissen, dass Ihr Wirken in der Branche stets auch kritische Stimmen begleiten. Was entgegen Sie denen, die Ihre aktuelle Maßnahme als „Marketing-getrieben“ beurteilen, da die kostenfreie Nutzung „nur“ Neukunden adressiere?

Michael Saitow: Wir betreiben seit über 15 Jahren eCommerce-Webseiten und -Marktplätze und haben mit Tyre24 und anderen Services über die Zeit sehr gute Ergebnisse erzielt. Der Weg dorthin war nicht leicht, wie so oft bei Pionieren aus dem Online-Bereich. Vor allem in unserer Branche wurde das Neue, Unbekannte oft abgelehnt – vor allem, wenn es bestehende Strukturen verändert. Kritik hat uns aber nicht gebremst, sondern stets angespornt. Wir haben uns im Vorfeld der Entscheidung, unsere Angebote für Neukunden kostenlos anzubieten, tatsächlich gefragt, wie wir Werkstatt und Reifenhandel nun unterstützen könnten. Auch unsere Entwicklung in Ländern wie Italien oder Frankreich zeigt, wie stark die Unternehmen von der Corona-Krise betroffen sind. Wir wissen aus dem Feedback zahlreicher Kunden, welchen Wert unsere Produkte im Markt stiften – für Anbieter wie für Käufer. Somit haben wir uns entschieden, die Services, die Kunden bisher nicht nutzen, kostenfrei anzubieten. Grundsätzlich haben hier Neukunden eine größere Auswahl. Allerdings zählt zu den “Soforthilfe”- Angeboten auch die Möglichkeit zu einem Upgrade für Bestandskunden – etwa vom Basic- zum Premium-Account bei Tyre24. Wir bieten daher nicht nur Neukunden eine Hilfe auf unsere Kosten an, sondern auch bisherigen Nutzern.

Nach unserer Auffassung ist unsere Preisstruktur sehr fair. Ein Tyre24 Basic-Account kostet lediglich 22 Euro und bietet dabei durch den Zugang zu einem breiten, attraktiven und internationalen Angebot ein Vielfaches an Gegenwert. Damit Unternehmen, die aktuell auf Hilfe angewiesen sind, entsprechend unterstützt werden können, sind laufende Umsätze aus den Reihen der Bestandskunden notwendig. Und wir würden nicht die Wahrheit sagen, wenn wir behaupten, dass uns die Corona-Krise nicht auch beschäftigt. Wir hoffen daher auf eine solidarische statt egoistische Einstellung aller Beteiligten. Und wie bereits angesprochen:  Bestandskunden, die neue Angebote oder Upgrades von uns nun nutzen möchten, kommen natürlich auch in den Genuss der kostenlosen Bereitstellung.

Den Vorwurf, dass die Idee zu unserer Soforthilfe “Marketing-getrieben” ist, möchten wir zurückweisen. Jede Initiative eines Unternehmens, das etwas verschenkt, verfolgt zunächst die grundsätzliche Motivation, jemanden zu unterstützen und etwas Gutes zu tun. Dass mit unserer Aktion auch der Name des Unternehmens verbunden und damit beworben wird, ist ein positiver Nebeneffekt, jedoch nicht das primäre Ziel.

Solidarisches Verhalten wird aktuell als Kerntugend in unserer Gesellschaft zur Bewältigung der Krise identifiziert. Marktteilnehmer sind ja immer auch Wettbewerber – wie kann der solidarische Gedanke in Reifenbranche gelebt und gefördert werden?

Christian Koeper: Grundsätzlich gilt, dass der Wettbewerb das Geschäft belebt. Letztendlich profitieren Werkstatt und Reifenhandel vom Wettbewerb, der sich um deren Gunst bemüht. Sicherlich haben wir mit Tyre24 dabei nicht unerheblich für zusätzliche Dynamik gesorgt. Dies liegt aber nicht allein an unserem Unternehmen, als vielmehr am Wettbewerb verändernden Charakter des Internets. Die aktuelle Krise betrifft wie z. B. die Bankenkrise 2008/2009 nicht eine einzelne Branche, sondern vielmehr die Gesamtwirtschaft. Hier ist der automobile Aftermarket bzw. der Reifenhandel eine von vielen Facetten. Die Tatsache, dass es sich beim Reifenwechsel oder der Autoreparatur – anders als in anderen Branchen üblich – um eher unemotionale, notwendige Geschäfte handelt, ist hier ein kleiner Trost. Wir sehen uns als ein Teil der Branche, da unsere Geschäftsmodelle eng mit ihr verbunden sind. Auch wir merken, wenn der jährliche Schwung der Umbereifungszeit durch die Corona-Krise gedämpft wird und wissen daher um die Probleme der beteiligten Unternehmen.

In der Krise möchten wir zum einen mit unserer “Soforthilfe” die Unternehmen unterstützen, um durch die Nutzung zusätzlicher Chancen Rückgänge aus dem klassischen Geschäft auszugleichen. Wir nehmen verstärkt wahr, dass sich die Marktteilnehmer – Reifenhandel und Werkstatt, Großhandel und auch Hersteller von Reifen und Ersatzteilen – mit uns austauschen möchten, um hier gemeinsame Lösungen zu diskutieren und zu erarbeiten. Hier scheint die Branche in der Krise enger zusammenzurücken.

Wie spüren Sie in Ihrem Unternehmen die Auswirkungen der Corona-Krise. Und welche Maßnahmen haben Sie zum Schutz Ihrer Mitarbeiter ergriffen?

Michael Saitow: Selbstverständlich merken auch wir die Auswirkungen der Corona-Krise. Als auf den automobilen Aftermarket bzw. Reifenhandel fokussiertes Unternehmen sind wir vor Themen wie gestörten Lieferketten, Ausgangsbeschränkungen oder -verboten oder Ladenschließungen nicht gefeit. In Ländern wie Frankreich, Italien oder Spanien sowie in Österreich wirkt sich Corona besonders deutlich auf den Markt aus; das sehen auch wir in Bestellaufkommen und Umsatz. Im wichtigsten Markt Deutschland kommt trotz Corona-Krise das Thema “Umbereifungszeit” auf den Plan. Da Werkstätten und Reifenhandel nach wie vor arbeiten können, sehen wir hier gegenüber. den Vormonaten die erwarteten steigenden Geschäftszahlen, wenn auch durch Corona gebremst. Dass viele Leute aus dem Homeoffice arbeiten können bzw. müssen, hat sicherlich dazu beigetragen, dass der ein oder andere Radwechsel und damit verbundene Reifenkauf zusätzlich durchgeführt werden konnte. Grundsätzlich gehen auch wir davon aus, dass sich ein Großteil des nicht realisierten Geschäfts lediglich verschiebt, statt wie in anderen Branchen ganz auszufallen. Wenn durch Corona und die damit zusammenhängenden Einschränkungen die Sommerreifen im März oder April nicht gewechselt werden können, dann wird der Wechsel im Mai vollzogen. Daher sind auch wir froh, in einer der “Aufschubbranchen” tätig zu sein.

Wir als Unternehmen haben schon recht früh auf die aufkommende Corona-Situation reagiert. Schon bevor es den ersten Fall im Raum Kaiserslautern gab, haben wir nicht nur Desinfektionsmittel in den Gebäuden aufgestellt, sondern die Mitarbeiter auch angewiesen, Kundentermine nicht mehr vor Ort, sondern per Videokonferenz wahrzunehmen. Dies kam nicht nur erstaunlich gut bei den Kollegen an, sondern auch bei den Gesprächspartnern. Recht früh, bereits Ende Februar, haben wir zudem entschieden, dass alle Mitarbeiter von zu Hause aus dem Homeoffice arbeiten können. Dieses Angebot wird nahezu von allen Mitarbeitern angenommen. Als auf eCommerce fokussiertes, IT-lastiges Unternehmen fiel uns dieser Übergang recht leicht. Die Kommunikation erfolgt per Mail, Chats und Video-Konferenzen; Daily, Weekly oder andere Regeltermine erleichtern die Abstimmungen und das Fokussieren auf die wichtigen Themen.

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