Deutsche Kautschukindustrie: Zwischen Corona-Krise und Industrietransformation

Freitag, 20 November, 2020 - 14:00
Die Mobilitätswende wird langfristig zur Entwicklung neuer Geschäftsmodelle in der Reifenindustrie führen.

Die Herbsttagung des Wirtschaftsverbands der deutschen Kautschukindustrie e. V. (wdk) fand in diesem Jahr rein virtuell statt. Unter dem Motto "Orientierung in schwierigen Zeiten" wurden aktuelle Branchenentwicklungen thematisiert.

Eric Heymann von der Deutsche Bank beispielsweise zeichnete in seinem Vortrag ein pessimistisches Bild des Produktionsstandortes Deutschland. Nichts Neues allerdings in seiner Empfehlungsliste: Ausgewogenere Steuerpolitik, Beibehaltung von Flexibilisierungsinstrumenten auf dem Arbeitsmarkt, Ausbau der digitalen Infrastruktur sowie eine "realistischere Energie- und Klimaschutzpolitik". Seit Jahren sei bei energieintensiven Unternehmen ein rückläufiges Investitionsverhalten festzustellen. 

Professor Enzo Weber (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung) untersuchte die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt und erläuterte, dass sich die Zahl der dadurch verlorenen und neu hin zugewonnenen Jobs in etwa ausbalanciere. Die Arbeit werde nicht ausgehen, aber Gesellschaft und Unternehmen müssten sich auf diesen Wandel einstellen. Am stärksten von künftigen Arbeitsplatzverlusten betroffen seien Fachkräfte. Weber erwartet einen Trend zu einem höheren Anforderungsniveau, von dem eben gerade das mittlere Niveau der Erwerbstätigen betroffen sei. 

Über „Verschiebungen in der industriellen Wertschöpfungskette“ referierte Professor Stefan Bratzel (Center of Automotive Management). Aktuell sei die Automobilindustrie von der Transformation, von konjunkturellen Problemen und Corona gleichzeitig betroffen. Prof. Bratzel erinnerte dabei daran, dass die Automobilproduktion in Deutschland schon vor der Krise zwischen 2017 und 2019 um 17 Prozent eingebrochen sei. Aktuell existierten in Europa Überkapazitäten von 1,5 Millionen Fahrzeugen. Bratzel rechnet damit, dass es eine Verlagerung der Automobilproduktion in die Regionen geben werde, in der die Wagen auch verkauft werden. Zudem erkennt er in Software und Dienstleistungen die zentralen Wertschöpfungselemente der Mobilität der Zukunft.

Dass die Elektrifizierung der Mobilität sich auf die Hersteller von Technischen Elastomer-Erzeugnissen substantiell auswirken wird, davon ist David Shaw (Tire Industry Research) überzeugt. Mit Blick auf die Reifenindustrie erwartet Shaw, dass die Mobilitätswende langfristig zur Entwicklung neuer Geschäftsmodelle unter Nutzung des vorhandenen Know-hows führen wird. Martin von Wolfersdorff (Wolfersdorff Consulting) referierte über "Carbon Black“. In seiner Bestandsaufnahme konstatierte er zwar eine vorübergehende Ruß-Knappheit, Zusatzkapazitäten seien aber von Importanbietern zu erwarten. Von Wolfersdorff registriert ein gestiegenes Interesse auf der Abnehmerseite bezüglich der CO2-Bilanz von "Carbon Black" und deren Dokumentation sowie die Entwicklung von „grünem Industrieruß“ als Beitrag zur Nachhaltigkeit.

Michael Berthel warf als Chefvolkswirt des wdk final einen Blick auf aktuelle Daten zur Branchenkonjunktur. Demnach betrug das Minus bei der Umsatzentwicklung der jüngsten Mitgliederumfrage zufolge 12,4 Prozent. Das war eine leichte Besserung gegenüber den -15 Prozent Ende September. Für das Jahr 2021 erwartet Berthel ein Umsatzplus von 16 Prozent.

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